Wie nutzen deutsche Juristen Twitter?

21. September 2010Social Mediaby Henning Krieg
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Wer bereits einige andere Artikel auf diesem Blog gelesen hat weiß vermutlich, dass ich mich nicht nur mit dem Rechtsrahmen beschäftige, der für die Nutzung von Social Media in Deutschland gilt (siehe hier), sondern auch damit, wie deutsche Juristen Social Media einsetzen. Nachdem ich insbesondere den Einsatz von Weblogs mehrfach analysiert habe (siehe beispielsweise hier) reizte es mich nun herauszufinden, wie deutsche Juristen den Micromessaging-Dienst Twitter nutzen. Zu diesem Zweck habe ich Tweets der zehn laut www.juratweet.de auf Twitter reichweitenstärksten Juristen statistisch ausgewertet.

A. Grundlage der Untersuchung

In der Untersuchung wurden jeweils 100 zeitlich aufeinanderfolgende Tweets der Juristen berücksichtigt, die laut www.juratweet.de die meisten „Follower“ aufweisen. Bei allen dieser zehn Juristen handelt es sich um Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälte, namentlich um Ralf Wortmann, Udo Vetter, meine Person, Jan C. Seevogel, Michael Seidlitz, Thomas Stadler, Tim Hoesmann, Wolfgang Ferner, Simone Weber und Andreas Gerstel.1

B. Ergebnisse

I. Wann und wie häufig wird getwittert?

Verteilung nach Tagen

Getwittert wird durch die zehn erwähnten Juristen vornehmlich „unter der Woche“, am Wochenende lässt die Aktivität spürbar nach. Unter der Woche ist das Bild – nach einem langsamen Start an Montagen – recht ausgeglichen, der höchste Wert wird donnerstags erzielt:


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Eine Randbemerkung mit Blick auf die Analyse der einzelnen Profile für sich, die sich nicht aus dem obenstehenden, zusammenfassenden Diagramm erschliesst: Bei Nutzern, die weniger über rechtliche und mehr über persönliche Themen twitten oder die überdurchschnittlich stark im Dialog mit anderen Twitterati stehen, liegen die Werte an Wochenenden tendenziell höher als bei den übrigen in der Untersuchung beachteten Juristen.

Verteilung nach Uhrzeit

Was die Verteilung der Tweets nach Uhrzeit angeht, liegt der Schwerpunkt eindeutig auf dem Vormittag: 39,5 Prozent der erfassten Tweets wurden zwischen 9 und 13 Uhr abgesetzt.


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Durchschnittliche Anzahl von Tweets pro Tag

Die zehn in der Untersuchung aufgeführten Juristen setzten pro Tag im Schnitt etwas mehr als fünf Tweets ab (5,29 Tweets / Tag). Werden die Werte des aktivsten Nutzers (knapp 17 Tweets pro Tag) und des am wenigsten aktiven Nutzers (ein Tweet etwa alle zwei Tage) nicht in die Berechnung des Durchschnittswerts eingebracht, setzen die verbleibenden acht Juristen im Schnitt knapp drei Tweets pro Tag ab (2,97 Tweets / Tag).

Interessant ist, dass kein unmittelbarer Zusammenhang der Anzahl der pro Tag veröffentlichten Tweets mit der Anzahl der Follower erkennbar ist. Beispielsweise twittern die beiden Juristen mit der dritt- und viertgrössten Reichweite am seltensten, diejenigen mit der sechst- und der neuntgrössten Reichweite am häufigsten.

2. Worüber wird getwittert?

Jeden der insgesamt 1.000 von mir erfassten Tweets habe ich einer von acht verschiedenen Kategorien zugeordnet – der Klarheit halber auch dann, wenn potentiell mehrere Kategorien in Betracht kamen (bspw. „Entertainment“ und „Recht“ bei einem Hinweis auf ein kurioses Urteil).2


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Nicht überraschend twittern Juristen vor allem über rechtliche Themen, die Tweets eines Kandidaten bezogen sich sogar ausschließlich auf Rechtliches. Allerdings ist das andere Extrem auch zu finden: Drei der von der Untersuchung erfassten Juristen äußerten sich gerade einmal in zwei bzw. drei Prozent ihrer Tweets zu rechtlichen Themen.

3. Verlinkungen

Twitter wird mitunter auch als „Linkschleuder“ bezeichnet – nach verbreiteter Einschätzung ist es häufig nicht so, dass die eigentliche Kommunikation auf Twitter stattfindet, sondern eher so, dass über Twitter lediglich auf Informationen hingewiesen wird, die außerhalb von Twitter zu finden sind (siehe bspw. “Verleger müssen wie Google denken” von Holger Schmidt / FAZ).

Diese Einschätzung wird durch die hier vorgenommene Untersuchung bestätigt: In mehr als der Hälfte der analysierten Tweets fanden sich Links zu externen Quellen. Bei einem knappen Drittel von diesen handelte es sich um Links zu eigenen Texten oder eigenen Webseiten der jeweils twitternden Juristen.


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Einer der zehn Juristen hat übrigens in jedem seiner hier untersuchten 100 Tweets einen Link zu seiner eigenen Webseite gesetzt (siehe hierzu auch unten Abschnitt C, „Allgemeine Erkenntnisse und Typologie“).

4. Wie häufig wird ge-retweeted?

Twitter hat auch – unter Umständen sogar insbesondere – deshalb eine solche Ausnahmestellung unter den Social Media Diensten erlangt, weil Netzwerkeffekte hier große Wirkung entfalten. Auf Twitter geschieht dies vor allem durch so genannte Re-Tweets: Nutzer verbreiten Meldungen und Links, die von anderen Nutzern veröffentlicht wurden, weiter, und erhöhen so die Reichweite dieser Nachrichten.

Grund genug auch zu untersuchen, welchen Anteil derartige Re-Tweets an der Gesamtzahl der 1.000 hier analysierten Tweets haben. Ergebnis: Insgesamt handelte es sich bei 156 der erfassten Tweets um Re-Tweets; ihr prozentualer Anteil beträgt damit 15,6 Prozent, also knapp ein Sechstel.

5. Friend or Follower?

Interessant erscheint auch, wie viele „Follower“ die hier aufgeführten Juristen jeweils haben, wie viele andere Twitterati sie selbst „verfolgen“, und in welchem Verhältnis die beiden Werte jeweils stehen.

Was die Anzahl der eigenen Follower anbelangt, stechen vor allem Udo Vetter und Ralf Wortmann heraus: Vetter wird aktuell von knapp 18.000 anderen Nutzern „verfolgt“, Wortmann sogar von knapp 55.000. Alle anderen erfassten Juristen werden von rund 1.500 bis 3.000 anderen Nutzern verfolgt.

Da Vetter durch sein Blog www.lawblog.de fast schon eine Person des öffentlichen Interesses geworden ist, dürfte die Anzahl seiner Follower „organisch“ gewachsen sein. Bei Wortmann liegt der Verdacht nahe, dass der Wert dadurch „gepushed“ wurde, dass auf diesem Account mittels eines automatischen Tools immer weitere eigene Kontakte hinzugefügt und dann wieder entfernt wurden, wenn sie sich nicht in die Reihe der Follower des Accounts einreihten.

Stellt man das Verhältnis von durch die Juristen verfolgten anderen Nutzer zu den eigenen Followern graphisch dar, ergibt sich folgendes Bild:


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Bei knapp der Hälfte der zehn Juristen liegt die Zahl der Twitterati, die sie selbst verfolgen, höher als die Zahl ihrer eigenen Follower. Dies legt nahe, dass sie – oder zumindest einige von ihnen – versuchen, die Anzahl ihrer eigenen Follower zu erhöhen, indem sie weitere Personen verfolgen, um sie in eigene Follower zu konvertieren.

6. Nutzung anderer Social Media Plattformen

Wer twittert, bei dem liegt es nicht fern, dass er auch andere Social Media Dienste oder Plattformen nutzt. Für alle der zehn in dieser Untersuchung erfassten Juristen habe ich daher recherchiert, ob sie ferner ein Blog betreiben, oder über ein Profil auf Facebook, Xing oder LinkedIn verfügen.3


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C. Allgemeine Erkenntnisse und Typologie

Die Untersuchung speziell von zehn durch Juristen eingerichteten Twitter-Accounts hat einige der landläufigen Annahmen über den Dienst und seine Nutzung bestätigt, so zum Beispiel dass Twitter als „Linkschleuder“ fungiert, und dass Re-Tweets eine spürbare Bedeutung zukommt.

Eine zweite Erkenntnis, die sich aus der Sichtung der (hier nicht veröffentlichten) Werte für die zehn einzelnen Accounts ergibt ist, dass die (Ober-)Gruppe der twitternden Juristen sich wieder in verschiedene Untergruppen aufteilen lässt. Nicht alle Juristen nutzen Twitter in gleicher Weise oder zu gleichen Zwecken. Meiner Ansicht nach lassen sich grundsätzlich fünf verschiedene Nutzertypen erkennen:

Der Informer:

Verbreitet auf Twitter vor allem Informationen, insbesondere Links zu externen Quellen, die einen Mehrwert für seine Follower haben oder haben könnten.

Beispiel: Michael Seidlitz

Der Chatter:

Nutzt Twitter weniger als Microblogging-Dienst, sondern vorrangig als Micromessaging-Dienst für die Kommunikation mit anderen Nutzern im Dialog.

Beispiel: Simone Weber

Der Entertainer:

Tweets dieses Nutzertyps haben weniger einen informierenden, als mehr einen unterhaltenden Charakter.

Beispiel: Udo Vetter

Der Advertiser:

Für den Advertiser ist Twitter vor allem (oder sogar ausschließlich) eine Plattform, die er für die Bewerbung seiner eigenen Angebote oder Dienste nutzt.

Beispiel: Andreas Gerstel

Der Selbstdarsteller:

Lässt die Welt sehr gerne daran teilhaben, was in seinem Leben passiert.

Beispiel: Kein namentliches (ich möchte niemandem zu nahe treten. ;-) )

  1. Auf www.juratweet.de aufgeführte Nichtjuristen und Kanzleiaccounts, die nicht erkennbar von einer Einzelperson betrieben werden, wurden nicht berücksichtigt. []
  2. In der Kategorie „Unterhaltung“ sind die Tweets erfasst, in denen der jeweilige Nutzer konkret mit anderen Twitterati kommunizierte, Twitter also eher als „Micromessaging-„ denn als „Microblogging-Dienst“ nutzte. []
  3. Die Recherche erfolgte unter den Klarnamen der Betroffenen; bspw. eventuell pseudonym betriebene Facebook-Profile können daher keinen Eingang in die Werte finden. []
  1. [...] Henning Krieg hat sich das Twitter-Verhalten deutscher Anwälte näher angesehen. Hat mir gut gefallen, vor allem der letzte [...]

  2. Großartig und vielen Dank für die aufschlussreiche Übersicht, die bestimmt Tage gekostet hat, oder? Da bleibt nur die Frage übrig: Wer sind die Selbstdarsteller? Bitte sich selbst outen! :)

  3. Jan sagt:

    Schöne Sache, mal so was wissenschaftliches.

    Aber was soll der Unterschied sein zwischen den Kategorien “Unterhaltung” und “Entertainment”? Oder ist mit “Unterhaltung” eine “Unterhaltung mit jemandem” gemeint?

  4. Musenroessle sagt:

    Sehr interessant, danke dafür! :-)

    Mal schauen in welche Twitter-Typologie ich reinpasse ;-).

  5. @Jan: Richtig, in die Kategorie “Unterhaltung” fallen konkret an andere Twitterati gerichtete Tweets. Ich hatte das extra in einer Fussnote erlaeutert – eventuell leicht zu uebersehen.

  6. [...] aufstellt. Diese fünf Typen von Twitter-Nutzern finden sich nämlich nicht nur unter Juristen… Mehr dazu hier in seinem Blog. Ads_BA_AD(‘CAD2′); Bildnachweis: Collage verwendet einen Twittervogel aus dem Fluzzy Twitter Icon [...]

  7. Felix sagt:

    Super, vielen Dank für die tolle Untersuchung! Auch die Typologie ist sehr interessant. Einen gewissen Anteil “Selbstdarsteller” haben wohl die meisten Twitterati in sich :-)

  8. P. Kitzmann sagt:

    Ganz interessanter Beitrag, noch interessanter wäre zu erfahren, was es den eifrigen Twitterern an Bekanntheitsgrad einbringt und ob damit neue Mandanten gewonnen werden, auf Twitter so aktiv zu sein, aber das wird wohl schwer zu messen sein …

  9. Da haben Sie natürlich Recht, Herr Kollege Kitzmann – aber diese Information lassen sich (zumindest statistisch) natürlich nur schwer ermitteln.

  10. Elradon sagt:

    Wussten Sie, dass auf diesen Artikel auch in der NJW 41/2010 im “web.report” (S. 36) hingewiesen wurde?
    Im Übrigen: sehr guter Artikel – danke für die Auswertung!

  11. @Elradon:

    Danke für den Hinweis auf die NJW, war mir schon bekannt – und danke für das positive Feedback, das freut natürlich sehr.

  12. [...] ist Henning Krieg (@kriegs_recht) der einzige Jurist in Deutschland, der sich darum bemüht, dem Phänomen systematisch auf den Grund zu gehen. Mir ist keine empirische-analytische Erfassung durch Umfragen etc. [...]

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