„Entschuldigung, hätten Sie vielleicht Interesse daran, unseren Nutzer abzumahnen?“

Ein heißes Thema in der Welt der Social Media ist momentan das Kuratierungstool Pinterest. Was ist Pinterest? Die Macher von Pinterest beschreiben ihre Plattform als „Online Pinboard“, also als „Online-Pinnwand“. Im Grunde genommen funktioniert das Ganze so, dass man – nachdem man sich bei dem Dienst angemeldet hat – Bilder aus dem Internet auf einer eigenen Profilseite einbinden, sortieren und präsentieren kann. Hinter Pinterest steht ein US-amerikanisches Start Up, mit Pinspire gibt es auch bereits einen deutschen „Klon“ des Dienstes. Wenn Sie Pinterest und Pinspire noch nicht kennen, dann schauen Sie sie sich doch vielleicht kurz einmal an, bevor Sie hier weiterlesen.

So schön die Seiten von Pinterest und Pinspire auch aussehen, so problematisch erscheinen diese Dienste jedoch aus urheberrechtlicher Sicht. Der Grund: Für das Einbinden fremder Bilder auf einer eigenen Webseite – und sei es auch nur eine Profilseite auf einer Social Media Plattform – benötigt man in aller Regel die Erlaubnis des Urhebers des Bildes. Hat man diese Erlaubnis nicht, begeht man eine Urheberrechtsverletzung. Wer mehr hierzu lesen möchte: Die Anwaltskollegen Thomas Schwenke und Carsten Ulbricht erläutern dies in Artikeln auf ihren Blogs ausführlich und schön nachvollziehbar anhand von Pinterest, ich selbst habe schon vor einiger Zeit auf onlinejournalismus.de auf die rechtlichen Probleme von Kuratierungstools wie beispielsweise Storify hingewiesen.1

Mit anderen Worten: Auf Plattformen wie Pinterest oder Pinspire scheinen Urheberrechtsverletzungen vorprogrammiert zu sein. Es wäre schlicht realitätsfern anzunehmen, dass jeder Nutzer zunächst bei den Urhebern der von ihm eingebetteten Bilder um Erlaubnis hierfür nachfragen würde. Und solch systemimmanente Fälle von Urheberrechtsverletzungen sind bei Social Media Plattformen keine Seltenheit – siehe auch „Mosaic Maker: Einladung zur Abmahnung„.

Was tun, wenn man in der Haut des Plattformbetreibers steckt? Die Macher von Pinspire haben offenbar einen, sagen wir einmal, kreativen Weg gewählt. Einem Artikel des Branchendienstes „Deutsche Startups“ zufolge scheint das Team von Pinspire Urheber von bei ihnen eingebundenen Bildern anzumailen und sie zu fragen, ob das Einbinden denn in Ordnung gehen würde:

    „Hallo, ich heiße Thyra und ich mache gerade ein Praktikum bei einem neuen Start-up in Berlin, pinspire.de. Ein Mitglied unserer Community hat ein Foto von Ihrer Seite genutzt. Wir wollen nur sicher gehen, ob das in Ordnung für Sie ist. Sollte dies nicht der Fall sein, dann benachrichtigen Sie uns bitte umgehend. Wir sind ein junges Start-up aus Berlin. Wir wollen niemanden verletzen“ (Quelle).

Der Jurist sieht so etwas mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Nimmt man einmal an, dass es nicht das eigentliche Ziel der oben zitierten Mail ist, elegant auf den eigenen Dienst hinzuweisen und so neue Mitglieder zu gewinnen, sondern rechtliche Probleme zu vermeiden, dann liefert ein Plattformbetreiber seine eigenen Nutzer hier möglicherweise ans Messer. Denn: Durch solch eine E-Mail wird ein Urheberrechtsinhaber natürlich mit der Nase darauf gestoßen, dass ein anderer seine Inhalte nutzt, (vermutlich) ohne dies bislang zu dürfen. Und auch wenn der Plattformbetreiber das Bild auf eine dann folgende Beschwerde eines verärgerten Urhebers sofort wieder entfernt – das Kind wäre in den Brunnen gefallen. Der Plattformbetreiber könnte sich wohl noch der Haftung entziehen, der Nutzer jedoch nicht mehr. „Entschuldigung, hätten Sie vielleicht Interesse daran, unseren Nutzer abzumahnen?” So könnte man die nette Benachrichtigungsmail dann auch lesen.

  1. Interessant ist in diesem Zusammenhang übrigens die Frage, ob es rechtlich einen Unterschied macht, wenn das eingebundene Bild nicht wirklich in eine neuen Datei kopiert, sondern nur „embedded“ wird. Beim Embedden werden eingebundene Inhalte so verlinkt, dass die Datei nicht kopiert wird, sondern sie beim Aufruf der eigenen Webseite oder Profils von der ursprünglichen Quelle geladen und innerhalb des eigenen Angebotes dargestellt wird. Das Oberlandesgericht Düsseldorf hat jedoch jüngst auch das „Embedden“ als problematisch eingestuft. []
  1. allo sagt:

    Wenn embedden verboten ist, dann an sich verlinken ja auch. Und damit ist man dann aber schon wieder beim Gedankenverbrechen, schließlich weist sowohl eine einbettung als auch ein Link nur auf den eigentlichen Ort des Bildes hin.

  2. Nein, ganz so einfach ist es nicht; warum, darauf gehen Thomas Schwenke und Carsten Ulbricht in ihren oben verlinkten Beiträgen detaillierter ein.

  3. Lars Hänig sagt:

    Ich lese die E-Mail so, dass man sich offenbar bewusst ist, dass der Dienst (urheber-)rechtlich nicht unproblematisch ist. Dann stellt sich für mich die Frage, ob die Haftungsprivilegien für den Dienstanbieter überhaupt noch greifen: man rechnet ja förmlich selbst mit den Rechtsverletzungen.

  4. @allo
    Embedden ist ja nicht grundsätzlich „verboten“ bzw. unerlaubt. Es muss nur klar geregelt (freigegeben) sein. Bsp. Embeddingcode für YouTube-Player.

    Das Prinzip Pinterest mit seinen Deri- und Plagiaten wird noch für viel Umsatz bei Juristen und noch für viel Streit in der Gesellschaft sorgen. Solche „Geschäftsmodelle“ sind es, die das Thema Urheber- und Nutzungsrecht nur noch weiter versanktionieren und spannen, als sie eh nicht bereits schon geregelt sind.

    Wenn die Handlungsweise von pinterest nur annähernd legitim ist, wäre eine 1:1(!) Einbettung von Grafiken (z.B. Fotos von Dir von Deiner Webseite, @allo), auf jeder anderen kommerziellen Seite grundsätzlich statthaft. Was ist, wenn Dir Inhalt als auch Gesinnung der einbettenden Seite auch mit Quellenlink nicht passen? Bei allen zig-Seiten um Unterlassung auffordern? Möchten wir diese Entwicklung? Das kann es nicht ganz sein, oder?

    Der Begriff „Erlaubnis/Zustimmung“ sollte sich in unserer Gesellschaft nicht ganz in Wohlgefallen auflösen.

    Ich würde für eine creative commons/HTML-Spezifikation (z.B. embedding=“true“) oder sowas plädieren, an die sich solche Dienste inkl. Google Images im Sinne Ihrer User halten und dann folglich einbettende Inhalte blockieren müssten.

  5. kosmar sagt:

    die unvermeidliche frage. diesmal von mir: und warum darf google dann eine bildersuche bauen?

    • Torsten sagt:

      http://www.telemedicus.info/ar.....suche.html

      „In einem obiter dictum in Bezug auf unrechtmäßig ins Internet eingestellte Bilder entschied der BGH zudem, dass dem Suchmaschinenbetreiber die Privilegierungen des Host-Providers zugute kommen und eine Haftung erst ab Kenntnis der Rechtswidrigkeit in Betracht kommt. In der Urteilsbegründung wurde das „notice and take-down-Verfahren” aus dem amerikanischen Recht ausdrücklich angesprochen.“

  6. @kosmar

    Absolut berechtiger Einwand.

    Antwort: Weil es dazu eine – teilweise etwas konstruierte – Gerichtsentscheidung des Bundesgerichtshofs gibt.

    Verkürzt gesagt, wer seine Webseite suchmaschinenoptimiert, dann aber die technischen Möglichkeiten Crawler auszuschließen nicht nutzt, erklärt „irgendwie“ sein Einverständnis zur Aufnahme in die Suchmaschinen.

    Ausführlichere Info unter http://www.rechtzweinull.de/in.....suche.html

  7. Ina Tarantina sagt:

    @Kosmar Du nimmst mir die Frage aus dem Mund! Hat da jemand eine Antwort drauf?

  8. @Carsten Ulbricht
    Stimmt. Auch kann man Crawler exkludieren. Google handhabt die Bildersuche noch zudem mit der Thumbnail-Technik und ruft bei Klick dann direkt die Ursprungsseite auf. Ich bin jetzt nicht unbedingt ein Google-Freund. Aber das ist schon unterscheident und besser gelöst als bei den Hijacker-Diensten, die sich mit der Bezeichnung „Kuratierungstools“ freilich leicht besser anhören.

    Ich bin gespannt, wann die Stimmung kippt und Opt Out-Formular-Initiativen sowie Blacklists bei solchen Diensten täglich Brot werden…

    • Mithos sagt:

      Ich bin eher gespannt, wie lange das Urheberrecht in der bisherigen Form noch überdauert, bis es an die praktischen Gegebenheiten angepasst wird.

      Ihre Vorschläge (Opt-Out, Blacklist) führen heute schon dazu, dass solche Dienste fast nur im Ausland mit „Fair-Use-Regelungen“ entstehen. Wenn die Dienste dann zu groß werden, dann passiert genau das, was heute schon bei youtube Stand der Dinge ist.

  9. […] Plattformen. Schließlich darf der Kollege Krieg hier nicht fehlen, der mit seinem Beitrag “Entschuldigung, hätten Sie vielleicht Interesse daran, unseren Nutzer abzumahnen?“ die bemühte Lösung von Pinspire kommentiert. (Das Ganze wurde kurzum #pinterestwoche auf […]

  10. Ralf Petring sagt:

    Ist nicht auch die von TWITTER automatisch vorgenommene archivierende Einbindung von seitens des Twitter-Users weiter-getweeteten fremden Twitpics in die eigene öffentliche Profilseite des Twitter-Users vor dem Hintergrund dieser Diskussion ähnlich problematisch wie Pinterest? Zumindest nach der – m.E. zu strengen – Lesart des OLG Düsseldorf?!
    Es bleibt schließlich auch bei Twitter nicht allein bei der Thumbnail-Darstellung.

  11. JT sagt:

    ich hätte keine Schwierigkeiten damit, Pinterest ebenfalls als Suchmaschine zu verstehen. Sicher: Die Funktionen sind noch nicht ausgereift, aber Pinterest verlinkt thematisch auf die Originalseiten und liefert diesen Traffic – nur eben nicht per Algorithmus, sondern kuratiert. Dies sollte ja prinzipiell im Interesse der Rechteinhaber sein. Außerdem zeigt Pinterest bis dato noch keine Monetarisierung der Fremdinhalte. Das sieht bei Bloggern, die Fremdbilder posten, mitunter anders aus.

  12. @Mithos Was ist den bei YouTube Stand urheberrechtlich der Dinge? Dass User urheberrechtlich geschützten Content (z.B. TV broadcast) relativ schmerzfrei croppen und uploaden und zudem vlt. noch Adsensing betreiben? Oder dass YouTube einfach keine Regelung mit der nationalen Verwertungsgesellschaft gebacken kriegen möchte? Es jedoch andere (clipfish, tape.tv etc.) schaffen?

    Ok. Dann kann es schon mal nicht das eigtl. Thema Urheberrecht Videocontent sein und ist, auch wenn YouTube dominiert, als individuelles Problem zu sehen.

    Ich denke, die Diensteseitigen Blacklists mit Einträgen von großen Contentseiten werden relativ schnell kommen. Wenn erkannt wird, das hijacking-traffic mit entspr. Erlös weitaus höher als referral-traffic sind und sich der wirtschaftkliche Nutzen für den Originator nicht abzeichnet..

    @JT

    >>
    Dies sollte ja prinzipiell im Interesse der Rechteinhaber sein.
    >>

    Was ist, wenn man nur das Nutzungsrecht eines Bildes ausschliesslich für sein Blog mit dem Inhaber abgestimmt hat und es von dort 1:1 gehijackt wird? Kann man dem prinzipiell zustimmen? Desweiteren, wenn die nächste pinnende Plattform ein dubioser Anbieter auf dem Markt ist. Wollen wir dann generell da tatsächlich uneingeschränkt unsere Inhalte auch 1:1 gepinnt sehen? Möchte man sein Profilbild auf einem Board z.B. „Spacken und Dünnbrettbohrer“ oder „Bikini Girls“ beim User Immergeil23 verzeichnet wissen?

    Wenn pinterest Thumbnails (wär natürlich nicht so schick wie jetzt, zugegeben) generieren und pinnen würde, wäre es vlt. noch irgendwie vertretbar. 1:1 ist wirklich eine neue Dimension.

    Was wird als nächstes kuratiert? Ganze Blogtexte? Webseitenlayouts?

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    Außerdem zeigt Pinterest bis dato noch keine Monetarisierung der Fremdinhalte
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    Dies noch fehlend schliesst eine Zustimmung nicht aus. Und zweitens kommt das noch. Mit Sicherheit;-)

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    Das sieht bei Bloggern, die Fremdbilder posten, mitunter anders aus.
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    Pinterest und Co. verstärken die Entwicklung „teilen ohne zu fragen, was einem nicht gehört“ nur weiter. Willkommen im digiatlem Sozialismus, in dem man für creative commons-Regelungen müde belächelt wird.

    Wollen wir eine solche Entwicklung wirklich?

    Fremdbilder kann man natürlich sehr wohl posten. Man muss nur zuvor einfach fragen oder das Bild hat sogar schon eine cc-Freigabe o.ä. Abder das weiß ja jeder;-)

  13. kay sagt:

    Naja das ist ja mal wieder so richtig Deutsch ;) Ich denke das ist schon eher unproblematisch, die Bilder sind ja noch verlinkt also was solls, so bekommen die Ersteller dieser Bilder immerhin mehr traffic auf ihre Seite, somit ist es doch eine win win situation und wenn nun doch noch ein Fotograf oder whatever meint er müsse jemand abmahnen dann wird dieser eben nicht mehr verlinkt und somit bekommt er auch keinen traffic mehr.

    Diese Plattformen sollten von den „Künstlern“ eher positiv wargenommen werden da diese damit auch eine größere Aufmerksamkeit und ein neues Publikum bekommen.

    • Kay,

      zu kurz gesprungen. Was Du ausführst, kann man sicherlich überdenken – aber die Rechtslage ist nun mal anders.

    • Marco sagt:

      @kay: Mein Eindruck ist, dass es gerade Fotografen sehr ungern sehen, wenn ihre Werke im Netz geteilt werden.

      Unsere Gesellschaft muss sich die Frage stellen, ob sie ein Urheberrechtssystem haben will, in dem jeder Inhaltsersteller selber entscheiden darf, ob seine Inhalte geteilt werden, oder ob ihm diese Entscheidung abgenommen wird und das Verbreiten kreativer Inhalte durch Dritte ausnahmslos verboten bzw. generell in einem gewissen Rahmen erlaubt ist.

      Abmahnungen und Gerichtsprozesse sind nur eine Frage der Zeit und dürften wohl zuallererst Pinspire treffen.

  14. @kay

    Es gibt ohne Ende aus Google Images oder tumbl gepinnte oder gar repinnte Grafiken, eben nicht nur von Künstlern
    z.B. http://pinterest.com/source/google.com/
    Nicht die müde Maus wird beim Originator auf dessen eigentlicher Webseite ankommen.

    Es ist nur ein guter Wunsch, von neuem Publikum und Aufmerksamkeit zu sprechen. Bsp. Produkt- oder Künstlerbezogen mag das noch gerade klappen, nicht jedoch im Ursprung (vgl. hier im Bsp. Händler oder Museum)

  15. […] 6.2.12: Henning Krieg, Kriegs-Recht: “Entschuldigung, hätten Sie vielleicht Interesse daran, unseren Nutzer abzumahnen?” […]

  16. frank mauf sagt:

    hey, in dem zusammenhang muss noch die opensource variante erwähnt werden.. bitte: http://openPIN.org

  17. […] kriegs-recht.de: Entschuldigung, hätten Sie vielleicht Interesse daran, unseren Nutzer abzumahnen? […]

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