Blawgs und Lawblogs: Vom Verfall der Werte

5. Oktober 2009Blawgsby Henning Krieg
4

Im vergangenen Jahr habe ich mehrmals den Rechenschieber ausgepackt und versucht, die “Blawgosphäre”1 zu vermessen – sprich: Ich habe anhand der von Technorati gelieferten “Authority-Daten” versucht zu ermitteln, welche deutschsprachigen Blawgs2 am häufigsten von anderen Blogs aus verlinkt wurden.3 Der entsprechende Wert ist eine der nur wenigen halbwegs zugänglichen Zahlen, anhand derer sich die Reichweite der Blawgosphäre vielleicht ansatzweise einschätzen lässt.4

Die letzte dieser insgesamt vier “Vermessungen” stammt aus dem Dezember 2008. Schon ab der zweiten der Auswertungen hatte sich ein deutlicher Trend abgezeichnet – ein Trend nach unten. Dies lässt sich besonders beispielhaft mit den Werten von Udo Vetters Lawblog illustrieren: Kam er bei der ersten Auswertung noch auf eine Authority von 1.176, waren es bei der zweiten Auswertung 913, bei der dritten 763 und bei der vierten schließlich nur noch 594 Backlinks, die das Blog in den sechs jeweils vorangegangenen Monaten laut Technorati eingesammelt hatte.

Dieser Trend zur nachlassenden Verlinkung von anderen Blogs aus hat sich zwischenzeitlich nochmals fortgesetzt, und zwar so deutlich, dass man fast schon von einem weitgehenden “Verfall der Werte” sprechen kann. Gegenüber dem letzten Dezember sind die Werte der (noch betriebenen Blawgs) in der Summe nochmals um knapp 25 Prozent eingebrochen, und rechnet man das inzwischen einigermaßen stabile Lawblog von Udo Vetter heraus, ergibt sich sogar ein Minus von gut 32 Prozent.

Die aktuelle Übersicht

Nachfolgend eine Übersicht über die aktuellen Werte der Blawgs, die auch in der letzten Übersicht vom Dezember 2008 erfasst wurden (in Klammern jeweils die vorherige Platzierung sowie die vorherige Anzahl an Backlinks):

01 (01) RA Udo Vetter (lawblog.de) 522 (594)
02 (33) internet-law.de 125 (12)
03 (03) Beck-Blog (Beck-Verlag) 98 (78)
04 (02) Datenschutzbeauftragter Online 71 (163)
05 (15) Telemedicus 56 (23)
* * * * * * * * * *
06 (06) RA Henning Krieg, LL.M. (kriegs-recht.de) 35 (63)
07 (26) Im Namen des Volkers 32 (15)
08 (07) RA Thomas Schwenke (advisign.de) 26 (44)
09 (05) RA Dr. Carsten Ulbricht (rechtzweinull.de) 25 (67)
10 (19) Immaterieblog 17 (19)
* * * * * * * * * *
11 (10) RA Jürgen Melchior 13 (34)
12 (13) Markenblog 12 (30)
13 (09) Law-Blog (law-blog.de) 11 (41)
14 (07) Jurabilis 10 (44)
15 (25) LAWgical 7 (16)
* * * * * * * * * *
15 (19) verbraucherrechtliches 7 (19)
15 (10) Jur-Blog 7 (34)
18 (28) Recht Medial 6 (14)
18 (15) Rechtsanwalts News 6 (23)
20 (12) Strafprozesse und andere Ungereimtheiten 5 (33)
* * * * * * * * * *
20 (14) JurBlog 5 (29)
22 (18) Jurakopf 4 (20)
22 (23) RA Christian Säfgen (Obiter Dictum) 4 (17)
24 (31) RA Michael W. Felser (Juracity) 3 (12)
25 (34) MCNeubert lawblog 2 (11)
* * * * * * * * * *
26 (30) Rechtsanwalt Hänsch 1 (13)

Nicht mehr auf Technorati gelistete Blawgs

19 (24) Prof. Ulrich Noack (Unternehmensrechtl. Notizen) (19)
23 (28) Kleinblog – Rechtsreferendar David Klein (17)
26 (30) LBR-Blog (15)
31 (33) Kanzlei SEWOMA (12)
34 (34) RA Alexander Schultz (palawa.de) (11)
* * * * * * * * * *
36 (35) Recht für Verbraucher (10)

Nicht mehr betriebene Blawgs

04 (07) RA Thomas Klotz (ra-blog.de) (69)
19 (15) RA Sascha Kremer (Vertretbar Weblawg) (19)
28 (29) Kleinstbuden-Mechanic (14)
17 (20) Kanzlei Kremer (21)
36 (36) “Arbeitsrecht” auf Zeit.de von Ulf Weigelt (10)

Sinn und Unsinn einer Vermessung der Blawgosphäre

Der Vollständigkeit halber möchte ich – wie schon anlässlich früherer Aufstellungen, siehe beispielsweise hier – auf Folgendes hinweisen: Über Sinn und Unsinn von Vermessungen wie dieser lässt sich trefflich diskutieren. Meiner Meinung nach sind sie nicht uninteressant (siehe hierzu gleich weiter unten) – aber weitgehend ungeeignet, um eine hierarchische Einordnung von Blawgs im Allgemeinen vorzunehmen. Die hier aufgeführten Werte ermöglichen nur einen einzelnen Blick auf die betrachteten Blogs. Viele andere Werte hingegen wie beispielsweise die Größe der Leserschaft der Webseiten oder der “Einfluss” der Autoren lassen sich schon gar nicht verlässlich messen. Und selbst wenn dies möglich wäre, so würde sich dann doch immer noch die Frage stellen, wie diese Werte zueinander gewichtet werden sollten. Sprich: Ein aussagekräftiges umfassendes “Ranking” fuer Blawgs kann es meiner Meinung nach schlicht nicht geben.

Zahlen trotzdem aussagekräftig

Aus den Zahlen lässt sich – unter Beachtung einiger weiterer Aspekte –aber trotz aller Bedenken gegen eine Einordnung der Übersicht im Sinne eines allgemeinen „Rankings“ einiges ablesen.

  • Verlinkungen allgemein rückgängig: Dass die Anzahl der Verlinkungen aus Blogs heraus zurückgeht, ist keine nur in der Blawgosphäre zu beobachtende Entwicklung. Auch in der „Blogosphäre“ ist die gleiche Entwicklung zu beobachten – das lässt sich beispielsweise sehr schön in den grafischen Archiven der „Deutschen Blogcharts“ erkennen.
  • Es kommt auf die Themen an. Trotz allem „Verfalls der Werte“ lässt sich auch in der kleiner gewordenen Blogosphäre immer noch Aufmerksamkeit finden – es kommt nur auf die Themenwahl an. Ein schönes Beispiel ist hierfür das Blog des Rechtsanwaltskollegen Stadler, der sich nicht zuletzt aufgrund der häufigen Auseinandersetzung mit der Einführung von „Internet-Zugangssperren“ an die zweite Stelle katapultiert haben dürfte – ein Thema, das fast naturgemäß viele Blogger interessiert.
  • Twitter dient der Blogsphäre. Sicherlich ein Grund für die abnehmende Verlinkung zwischen Blogs ist, dass viele „Insinternetschreiber“ ihre Blogs aufgegeben und sich Twitter zugewandt haben. Meiner Meinung nach keine negative Entwicklung, sondern eher eine positive. Twitter dient vor allem als „Linkschleuder“, und Links zu als interessant empfundenen Inhalten werden dort heute häufiger veröffentlicht als früher auf – meist ohnehin nur halbherzig betriebenen – Blogs (was man zum Beispiel hier schön sehen kann – mehr als 70 Backlinks dürften sich auch zu Hochzeiten der Blogsphäre nur selten ausschließlich aus Blogs heraus realisiert haben lassen können).

Twitter hat damit nach meiner Meinung auch nicht zu einem wirklichen „Blogsterben“ geführt. Sicher sind nicht wenige Blogger, die ihr Blog eher halbherzigen betrieben haben, gerne auf Twitter ausgewichen – Postings mit einer Maximallänge von 140 Zeichen erfordern nun mal weniger Aufwand als “echte” Artikel. Blogger, die “gekommen sind, um zu bleiben”, sind aber unverändert am Start. Und gerade diese profitieren nun von Twitter, wenn sie wirklich gute, interessante Inhalte produzieren. Und das in einem Ausmaß, das bei Verlinkungen aus anderen Blogs heraus häufig wohl gar nicht zu erreichen wäre.

Nischenblogs gegen den Trend

Eine nicht zu übersehende Anzahl von bei der letzten Vermessung noch aktiven Blawgs ist inzwischen eingestellt worden (siehe Auflistung am Ende der Tabelle oben) – auch das spiegelt einen allgemeinen Trend in der deutschen Blogosphäre wieder. Neue überaus verlinkungsstarke Blawgs haben sich – meines Wissens nach – in der Zwischenzeit nicht positioniert. Das sollte aber nicht zu dem Trugschluß führen, dass die Blawgosphäre im Begriff wäre, einzugehen.

Zwar ist man hierzulande von einer vielfältigen Blawglandschaft, wie es sie beispielsweise in den USA gibt, noch weit entfernt. Auffallend ist jedoch, dass sich neben den inzwischen fast unzähligen Blawgs mit IT- und ggf. noch medienrechtlicher Ausrichtung immer mehr rechtliche “Special Interest Blogs” finden. Und das ist genau der Trend, der darauf hoffen lässt, dass sich weitere, qualitativ wertige Blawgs etablieren. Und in der Nische kommt es nicht unbedingt auf eine massive Verlinkung in der Breite an – sondern schlicht und einfach darauf, dass das Nischenpublikum auf die Nischenpublikation stößt.

  1. Mit “Blawgosphäre” sind die Blogs gemeint, deren Autoren sich in ihren Blogs vorrangig mit rechtlichen Themen befassen. []
  2. Mit “Blawgs” sind entsprechend dem Oberbegriff der Blawgosphäre solche Blawgs gemeint, deren Autoren sich vorrangig mit rechtlichen Themen befassen. []
  3. Die Technorati Authority gibt an, wie viele unterschiedliche andere Blogs in den letzten sechs Monaten auf ein bestimmtes Blog verlinkt haben (eine noch genauere Beschreibung zur Technorati Authority liefert beispielsweise Robert Basic hier). []
  4. Wobei man anmerken muss, dass Technorati schon früher nicht immer zuverlässige Daten zu liefern schien, und sich die Situation noch einmal verschlechtert hat. []
  1. Matthias sagt:

    Wichtig dabei ist, dass Technorati im Verlauf der letzten Jahre immer mal wieder an dem “Authority”-Algorithmus gespielt hat.

    Seit Beginn dieses Jahres wurde von einem Google-aehnlichen Crawler zu einem Crawler umgestellt, der nur noch die Feeds der Blogs abruft. Dies hat zum Ergebnis, dass beispielsweise Links innerhalb einer Blogroll oder Links aus Blogs mit gekuerzten Feeds nicht mehr gewertet werden: http://technorati.com/weblog/2009/08/515.html

    Da sich die Berechnungsbasis dadurch entscheidend geaendert hat, sind alte Zahlen leider nicht mehr vergleichbar.

  2. Felix sagt:

    Ob die insgesamt rückgängigen Verlinkungszahlen auch etwas damit zu tun haben, dass mancher bloggende RA nicht so gerne auf die ebenfalls interessanten Inhalte seiner direkten Konkurrenz verweisen möchte?

  3. [...] Rechtsanwalt Henning Krieg hat sich erneut die Sphäre der Rechtsblogger vorgenommen und stellt fest: Die Law-Blogs werden immer weniger verlinkt. [...]

  4. [...] Krieg in “Blawgs und Lawblogs: Vom Verfall der Werte”, Oktober 2009. Da atmet Kartellblog. tief durch. “Nischiger” (Web > Blog > BLawG [...]

Hinterlasse eine Antwort

Ich möchte per E-Mail über neue Kommentare zu diesem Artikel benachrichtigt werden (die Benachrichtigungen können jederzeit wieder abbestellt werden).